Rund um den Gardasee liegen vier Weinbaugebiete mit geschützter Herkunft. Sie sind älter als der Massentourismus – das erste wurde 1967 anerkannt – und sie haben eine Eigenheit, die man vom Ufer aus nicht sieht: Ein großer Teil der Reben steht gar nicht am See, sondern in den Moränenhügeln dahinter.

Inhalt
Die vier Gebiete auf einen Blick
| Gebiet | Seit | Ufer | Hauptsorte | Bekannt für |
|---|---|---|---|---|
| Bardolino DOC | 1968 | Ost | Corvina | leichter Roter, Chiaretto |
| Lugana DOC | 1967 | Süd | Turbiana | Weißwein |
| Riviera del Garda Classico / Valtènesi | ab Jahrgang 2017 | Südwest | Groppello | Chiaretto, Roter |
| Custoza DOC | 1971 | Hinterland Südost | Verschnitt | Weißwein |
Bardolino DOC – das Ostufer
Anerkannt am 28. Mai 1968. Das Konsortium entstand ein Jahr später, 1969, und gehört damit zu den ältesten Italiens; seine Mitglieder stehen für rund 92 Prozent der Produktion. Seit dem Jahrgang 2011 trägt jede Flasche die staatliche Banderole.
- 16 Gemeinden, alle in der Provinz Verona.
- Zona Classica: Bardolino, Garda, Lazise, Affi, Costermano sul Garda und Cavaion Veronese. Die Hälfte dieser sechs liegt gar nicht am See.
- Rebsorten: Corvina 35 bis 95 Prozent, Rondinella 5 bis 40 Prozent, Molinara bis 15 Prozent.
- Typen: Bardolino, Classico, Chiaretto, Chiaretto Spumante, Novello.
- Seit 2021 drei Untergebiete (Sottozone): Montebaldo, La Rocca und Sommacampagna. Sie haben strengere Regeln als die einfache DOC – 10 statt 13 Tonnen Ertrag je Hektar, keine Anreicherung, Verkauf erst ab dem 1. September des Folgejahres.
Der Chiaretto, ein heller Rosé, gilt dem Disciplinare ausdrücklich als „das Produkt, das die Denomination repräsentiert“. Er entsteht entweder aus einer eigenen, früheren Lese oder mit der salasso-Methode, dem Saftabzug aus der Maische. Der Novello muss zu 85 Prozent aus kohlensäurevergorenen Trauben stammen.
Nach Verbandsangaben umfasst das Gebiet rund 2.550 Hektar und etwa 21 Millionen Flaschen im Jahr.
Lugana DOC – das Südufer, über zwei Regionen
Anerkannt am 21. Juli 1967 – die erste DOC der Lombardei. Und die einzige der vier, deren Gebiet über eine Regionsgrenze läuft: vier Gemeinden liegen in der Provinz Brescia, eine in der Provinz Verona.
- Gemeinden: ganz Sirmione sowie Teile von Peschiera del Garda, Desenzano del Garda, Lonato del Garda und Pozzolengo.
- Die Grenzen wurden 1967 gezogen und seither nie verändert.
- Fläche 2.669 Hektar (Stand Lese 2025), davon 87 Prozent nachhaltigkeitszertifiziert.
- Typen: Lugana, Superiore, Riserva, Vendemmia Tardiva, Spumante. Einen Lugana Frizzante oder Lugana Classico gibt es nicht – das Konsortium stellt das ausdrücklich klar.
- Reife: Superiore mindestens 12 Monate, Riserva mindestens 24 Monate, davon 6 in der Flasche.
Die Sache mit der Turbiana
Das ist der interessanteste Punkt am Lugana. Das Disciplinare schreibt, der Wein müsse aus der Rebsorte Trebbiano di Soave, örtlich Turbiana oder Trebbiano di Lugana genannt, gewonnen werden – setzt Turbiana also mit dem Trebbiano di Soave gleich.
Das Konsortium rät heute von genau diesen Synonymen ab und verbietet das Wort „Trebbiano“ auf dem Etikett. Wer eine Flasche in der Hand hält, liest deshalb „Turbiana“ – und findet dieselbe Sorte anderswo unter anderem Namen.
Riviera del Garda Classico und die Valtènesi – das Südwestufer
Hier wird oft etwas verwechselt. „Valtènesi“ ist keine eigene Denomination, sondern ein Untergebiet der Riviera del Garda Classico DOC – so steht es im Disciplinare, wo die Valtènesi in einem eigenen Anhang geregelt ist.
Entstanden ist diese Ordnung aus einem „patto di territorio“ vom Februar 2016, unterschrieben von über 90 Prozent der Erzeuger: Zwei ältere Denominationen wurden zu einer zusammengeführt, wirksam ab dem Jahrgang 2017, mit der Valtènesi an der Spitze der Qualitätspyramide. Das Konsortium selbst hieß bis 2012 Consorzio Garda Classico.
- 30 Gemeinden in der Provinz Brescia – darunter sechs, die gar nicht am Gardasee liegen, sondern im Valle Sabbia und am Idrosee.
- Zur Valtènesi gehören unter anderem Salò, Gardone Riviera, San Felice del Benaco, Manerba, Moniga und Padenghe.
- Rebsorte: Groppello, mindestens 30 Prozent; beim sortenreinen Groppello mindestens 85 Prozent.
- Verkaufstermine: Chiaretto ab dem 14. Februar nach der Lese, Rosso ab dem 1. September, Riserva ab dem 1. November des zweiten Jahres.
Der Groppello ist die Signatursorte des Westufers. Der Name kommt von groppo, im Dialekt der Knoten – nach der gedrungenen Traubenform. Angebaut wird er praktisch nur hier; das Disciplinare nennt ihn „eine önologische Rarität“.
Zwei Weine, ein Name: Der Chiaretto der Valtènesi und der Chiaretto von Bardolino sind nicht dasselbe. Zwei Denominationen, zwei Regionen, zwei Rebsortenbasen – Groppello hier, Corvina dort. Gemeinsam ist nur das Wort.
Custoza DOC – das Gebiet ohne Seeufer
Anerkannt am 8. Februar 1971, das Konsortium gegründet am 18. Juli 1972. Das Gebiet liegt im südwestlichen Teil des Moränenamphitheaters und umfasst 1.400 Hektar in neun Gemeinden – von denen sechs kein Seeufer haben. Custoza ist damit das binnenländischste der vier Gebiete.
Es ist außerdem der einzige reine Weißwein der vier – und der einzige, der zwingend ein Verschnitt ist: Bianca Fernanda, Garganega, Trebbiano toscano und Tocai Friulano stellen zusammen mindestens 70 Prozent, aber keine einzelne Sorte darf 45 Prozent überschreiten.
Zwei Namen erklären sich nur örtlich: Bianca Fernanda ist ein lokaler Klon des Cortese, Trebbianello ein lokaler Biotyp des Tocai friulano. Die ungewöhnliche Sortenvielfalt führt das Konsortium auf den Viehhandel zurück – durchreisende Händler brachten Rebstecklinge als Tauschware mit.
Seit 2019 gibt es zusätzlich einen Custoza Riserva. Die frühere Bezeichnung „Bianco di Custoza“ ist in der aktuellen Fassung des Disciplinare durch „Custoza“ ersetzt.
Die Orte, an denen der Wein wächst
Wer die Weinberge sucht, fährt vom Ufer weg. Diese Gemeinden gehören zu den Anbaugebieten, haben aber keinen Zugang zum Gardasee – auf unserer Übersicht der Orte am Gardasee stehen sie deshalb nicht:
- Hinter dem Ostufer (Provinz Verona, Bardolino DOC): Affi, Costermano sul Garda, Cavaion Veronese, Caprino Veronese, Rivoli Veronese, Pastrengo, Bussolengo, Sona, Sommacampagna, Valeggio sul Mincio.
- Custoza DOC (Provinz Verona): Sommacampagna, Villafranca di Verona, Valeggio sul Mincio, Pastrengo, Bussolengo, Sona. Der namengebende Ort Custoza selbst ist ein Ortsteil von Sommacampagna.
- Hinter dem Südwestufer (Provinz Brescia, Valtènesi): Puegnago del Garda, Polpenazze del Garda, Soiano del Lago, Calvagese della Riviera, Muscoline, Gavardo, Villanuova sul Clisi, Roè Volciano, Bedizzole.
- Südlich davon: Pozzolengo, die einzige Lugana-Gemeinde ohne Seeufer.
Zwei Beobachtungen dazu, die man beim Buchen brauchen kann:
- Der Name täuscht. Puegnago del Garda, Polpenazze del Garda, Soiano del Lago und Calvagese della Riviera tragen den See im Namen – und haben kein Ufer. Wer dort eine Unterkunft „am Gardasee“ bucht, wohnt in den Hügeln.
- Lonato del Garda dagegen hat Ufer, wenn auch nur wenig: Die Gemeinde führt selbst einen rund 300 Meter langen Kiesstrand zwischen Desenzano und Padenghe.
Weinstraßen
- Strada del Vino Bardolino DOC – 80 Kilometer durch die 16 Gemeinden des Anbaugebiets, von Bardolino über Costermano, Garda und Torri del Benaco, dann südlich über Lazise, Peschiera und Sommacampagna. Sitz in Bardolino, eigene Seite: bardolino-stradadelvino.it.
- Strada dei Vini e dei Sapori del Garda – ein Verein, der seit 2001 das Westufer und sein Hinterland von Sirmione bis Limone bewirbt, mit rund 100 Mitgliedern aus Weingütern, Ölmühlen, Hotels und Museen. Sitz in Desenzano.
Für Lugana und Custoza gibt es keine eigene Weinstraße; Custoza bewirbt stattdessen Wander- und Radrouten durch das Gebiet.
Weingüter finden
Die vier Konsortien führen jeweils ein Verzeichnis ihrer Mitgliedsbetriebe. Das sind Mitgliederlisten, keine Öffnungszeiten – ob und wann ein Betrieb Besucher empfängt, sagt der Betrieb selbst. Während der Lese im September ist eine Voranmeldung ohnehin sinnvoll.
- Bardolino: consorziobardolino.it
- Lugana: consorziolugana.it
- Valtènesi: consorziovaltenesi.it, dazu die Casa del Vino Valtènesi in Puegnago als Anlaufstelle
- Custoza: custoza.wine
Lese und Weinfeste
Gelesen wird im September. Gefeiert wird das ganze Jahr über – von Olivum im April bis zum Novello im November. Der vollständige Kalender steht in unserem Beitrag über die Weinfeste am Gardasee, die Lese selbst im Beitrag über die Weinlese.
Quellen und Bildnachweis
Stand: 28. August 2026. Gemeindelisten, Rebsortenanteile, Weintypen und Anerkennungsdaten stammen aus den Produktionsvorschriften (Disciplinari) und von den Konsortien selbst: Consorzio Tutela Chiaretto e Bardolino, Consorzio Tutela Lugana DOC, Consorzio Valtènesi und Consorzio Tutela Vino Custoza DOC, ergänzt um den Rebsortenkatalog des italienischen Landwirtschaftsministeriums. Die Zusammenführung zur Riviera del Garda Classico nach ASCOVILO, dem Dachverband der lombardischen Weinkonsortien; die Flächen- und Flaschenzahlen für Bardolino nach Verbandsangaben in der Wirtschaftspresse; die Strada dei Vini e dei Sapori nach Visit Brescia; das Ufer von Lonato nach der Gemeinde Lonato del Garda. Alle abgerufen am 28. August 2026.
Produktionsvorschriften werden geändert. Wir prüfen alle Angaben sorgfältig. Sollte Ihnen eine Abweichung auffallen, schreiben Sie uns kurz – wir tragen die Korrektur nach.
Beitragsbild: Weinberge bei Picedo in der Valtènesi. Über Wikimedia Commons, gemeinfrei.